Archiv für April 2013

Aufruf: Demo 8. Mai – Tag der Befreiung

„Wir weinten vor Freude (…), die Alliierten sind nicht mehr weit!“

Am 8. Mai 1945 wurde Nazi-Deutschland durch die Soldat_innen der Roten Armee und der West-Alliierten besiegt. Europa wurde vom bisher größten Gräuel seiner Geschichte befreit.

Der 8. Mai – der Tag der Befreiung – ein Tag zum Feiern und zum Tanzen!

In der deutschen Medienlandschaft wurde vom 8. Mai noch bis 1985 als „Tag der Niederlage“ gesprochen. Ungeachtet dessen ist es für Antifaschist_innen seit jeher ein historisches Datum, an dem die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und das damit einhergehende Ende des von Deutschland begangenen Menschheitsverbrechens gefeiert wurde. Dies verband sich stets mit dem Gedenken an die Opfer der Shoa, wie auch mit der Ehrung der Soldat_innen in den alliierten Streitkräften und der Roten Armee, sowie derjenigen Freiheitskämpfer_innen, die z.B. in der französischen Résistance oder bei den Partigiani in Italien erbitterten Widerstand gegen die deutsche Besatzung geleistet haben.

Doch auch wenn die Nationalsozialist_innen besiegt wurden, konnte das nationalsozialistische Gedankengut bisher nicht vollständig überwunden werden. Im Jahre 2013 ist der ideologische Nährboden, auf dem der Nationalsozialismus als politisches System gedeihen konnte noch immer strukturell(er) Bestandteil der deutschen (Mehrheits)gesellschaft. So etwa ein sekundärer Antisemitismus (als Schuldabwehr und/oder Identifikation des Judentums/Israels mit dem Bösen in der Welt), ein rassistisches Wissenssystem, nationalistisches Denken oder strenger Gehorsam als „Preußische Sekundärtugend“. Neonazis bilden dabei heutzutage nur die Spitze eines äußerst hässlichen deutschen Eisberges.  

Dieser Nährboden ist es, aus dem sich das vermeintliche Randphänomen „Rechtsradikalismus“ speist und stetig neu hervorgeht. Bei aller berechtigten Fokussierung antifaschistisch-links-politischer Arbeit auf diesen ist es wichtig, Rechtsradikalismus in allen Erscheinungsformen zu betrachten – inklusive der des „Extremismus der Mitte“.

So ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in einem erschreckenden Maße präsent und tritt neben allgegenwärtiger Diskriminierung im Alltag auch in Form rassifizierend geführter Debatten, etwa um Sarrazin oder die „Griechenland-Rettung“, zu Tage. Diskriminierung, sowie andere soziale Ungleichheiten werden aber zeitgleich staatlich gefördert:  Abschiebungen, staatliche Nicht-Anerkennung von Verbrechen oder der Vorenthalt politischer Rechte für in Deutschland lebende und sozial verwurzelte Menschen verdeutlichen dies.
Dies führt alles zurück auf den Prozess der deutschen Nationenbildung, welcher sich über eine Abgrenzung zu verschiedenen anderen sozialen Gruppen vollzog. Da dies auf einer völkischen Ebene geschah, stellten primär antisemitische, und darauf aufbauend rassistische und andere fremdgruppenfeindliche Ansichten die Grundlage für das Konstrukt, das heutzutage unter „Deutschsein“ fungiert, dar. Auch während des Aufstiegs des Bürgertums und der rasanten gesellschaftlichen Rationalisierung während der Industriellen Revolution konnte dieses völkische Element im deutschen Nationalbewusstsein nie vollständig überwunden werden, weswegen der deutsche Nationalismus (als Grundlage für eine vermeintlich hegemoniale „deutsche Leitkultur“) auch heutzutage ein zutiefst völkischer ist, was ihn grundlegend von anderen Nationalismen bspw. in Frankreich oder England unterscheidet, deren beider Nationenbildung sich in einer republikanisch-liberalen Tradition vollzog.

Dieses völkische Element im deutschen Nationalbewusstsein machte sich jüngst die mittlerweile auch in Deutschland auftretende „Identitäre Bewegung“ zu Nutze und trifft damit leider den braunen Zahn der Zeit.

Heute, mehr als 65 Jahre nach der Shoa, circa 20 Jahre nach den teilweise tödlichen Brandanschlägen auf Geflüchtetenwohnstätten, etwa in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen – sowie dutzenden weiterer Brandanschläge Anfang der 90er Jahre – und mindestens 183 von Neonazis in Deutschland getöteten Menschen, bildet der „Nationalsozialistische Untergrund“ lediglich den Gipfel dieser Jahrzehnte währenden Blutspur. Die Morde des NSU haben die Nähe zwischen militanten, gewalttätigen Neonazis und den bundesdeutschen Behörden aufgezeigt und verdeutlichen, dass faschistische Strukturen und Ideen weiterhin Anklang  finden und  sich besorgniserregend schnell verbreiten – auch gut sichtbar im öffentlichen Raum. In Oberhausen, und momentan insbesondere im Oberhausener Norden, zeigt sich dies durch faschistoide Propaganda, etwa in Form von Aufklebern und Schmierereien. Die dafür verantwortlichen Neonazis schrecken jedoch auch vor körperlichen Übergriffen nicht zurück.

Dies ist jedoch kein Zeichen von individuellem Versagen in der Leistungsgesellschaft. Das Problem ist in unserer Gesellschaft fest verwurzelt. Bis heute bestehen faschistische und andere menschenverachtende Ideen und Strukturen in Deutschland weiter: Sie sind als Reaktion auf ökonomische Krisen, soziale Kälte und gesellschaftliche Probleme zu deuten und ein aggressiver deutscher Nationalismus einerseits sowie kapitalistische Leistungs- und Verwertungszwänge andererseits liefern die Grundlage dafür. Faschistische Denkweisen konnten bisher nicht überwunden werden, da die genannten gesellschaftlichen Strukturen, die diese Reaktionen hervorrufen bzw. reizvoll erscheinen lassen bisher nicht überwunden wurden.

Diese Zustände sind für uns unannehmbar! Daher rufen wir auf, am 8. Mai 2013 um 17 Uhr zur Tanzdemo am Bahnhof Oberhausen-Sterkrade zu kommen um mit uns den Tag der Befreiung zu feiern und ein deutliches Signal zu setzen, gegen Faschismus und Neonazismus, sowie andere deutsche Zustände!

Wer nicht tanzt hat verloren! 

Wir wollen den Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus feiern, keine Nationalstaatskonstrukte. Lasst eure National- und Parteifahnen – auch die der Alliierten – bitte einfach zu hause. Bitte geht zudem verantwortungsvoll mit dem Konsum von Drogen (Alkohol etc.) um!

Erstunterstützer*innen-Liste:
- Antifa-Infoportal Duisburg
- Emanzipatorische Antifa Duisburg
- Antifaschistische Koordination Duisburg (AKDU)
- Antifaschistische Kooperative Essen (AKE)
- Paroli – Verein für politische Kultur e.V.
- Antifa Essen-Kray
- Antifaschistische Initiative Oberhausen
- Schokofront
- Evangelische Jugend Oberhausen
- Linksjugend [’solid] Oberhausen
- Die Falken Oberhausen